Spieleautoren im Interview – Andreas Dier (Magitaire, Lunar Ads, S.W.E.S.K.)

„Spiele für Mehrdenker“ hat Andreas Dier seinen Spieltz-Shop getauft, in dem er Spiele anbietet

„für Leute, die Spaß daran haben, ein paar Schritte weiter als gewöhnlich vorauszudenken.“



5 Spiele hat er bereits eingestellt:

  • Lunar Ads
  • Magitaire
  • Duitaire
  • Hexitaire
  • S.W.E.S.K. („Schon wieder ein Sudoku-Klon“), dieses sogar in 4 Varianten.

Detaillierte Infos und Bilder zu den Spielen findet Ihr in seinem Spieltz-Shop.
Mein Dier-Favorit: Magitaire, eine Abwandlung des Klassikers „Solitair“ die zu viert spielbar ist – Denkspaß für die ganze Familie 🙂

Mit 5 + 5 eingestellten Spielen ist Andreas Dier Spitzenreiter unserer Spieleautoren, was die Anzahl der Spiele im Shop betrifft.
Ein Grund, unsere Serie „Spieleautoren im Interview“ mit ihm zu starten.

6 Fragen an Andreas Dier

1. Seit wann erfindest Du Spiele und bist Du auf die Idee gekommen, Spiele zu erfinden?

Während meines Studiums – das war Mitte der Neunzigerjahre – gab es im Studentenwohnheim mehr oder weniger regelmäßig Spieletreffen. Jeder brachte seine Lieblingsspiele mit, so dass immer eine vielseitige Auswahl vorhanden war. Bei diesen Spieleabenden wurde auch oft darüber diskutiert, welche Spiele aus welchen Gründen besonders interessant oder eher langweilig sind, und es wurden in dem Zusammenhang dann gelegentlich Regelvarianten und eigene Spielideen ausprobiert. Davon inspiriert entwickelte ich in dieser Zeit als „Erstlingswerk“ ein Strategiespiel namens ENSEMBLE, das in der Runde häufig und gerne gespielt wurde.

Alsbald begann ich insbesondere damit, mich mit der Eroberung der „dritten Dimension“ im Gesellschaftsspiel zu befassen. Hierbei entstand beispielsweise auch CHEPER, ein Würfelspiel mit altägyptischem Hintergrundszenario, das auf einer Pyramide gespielt wird. In der Auseinandersetzung mit der Materie des Spiels sammelte ich mit der Zeit einen immer umfangreicheren Fundus an Spielelementen, Denkmodellen und Methoden zusammen, der für mich als Grundlage und „Werkzeugkasten“ für die Ideenfindung dient.

Prinzipiell habe ich die Entwicklung von Spielen jedoch nie besonders intensiv betrieben. Zumindest habe ich mit meinen Spielideen meist nicht viel mehr angefangen, als gelegentlich Prototypen zu basteln und diese zusammen mit Freunden auszuprobieren. Besonders für meine räumlichen Kreationen gilt, dass eine Umsetzung bis zur Marktreife sicher noch sehr viel mehr an Aufwand bedürfte. Und selbst wenn schließlich vollständige Konzepte für eine Produktion im akzeptablen Kostenrahmen dafür entstünden, wäre dann immer noch die Hürde vorhanden, mit den Spielen letztlich so viel Umsatz zu machen, dass sich der ganze Aufwand einigermaßen rentiert. Deshalb werde ich wahrscheinlich etliche meiner Spielideen nicht veröffentlichen können, zumal das ganze für mich ja nur ein Hobby ist. Aber zumindest für einige meiner nicht-dreidimensionalen Spiele besteht mit Spieltz nun die geeignete Plattform, diese unkompliziert für alle verfügbar zu machen.

2. Was fasziniert Dich am Spielen und am Spiele-erfinden?

Besonders interessant finde ich es, dass sich oft mit nur geringfügigen Variationen an den Regeln oder dem Spielplanlayout der Charakter eines Spiels erheblich wandelt. Ist es eine direkte Änderung im Spielmechanismus, kann man solche Unterschiede bis zu einem gewissen Grad möglicherweise auch mit mathematischen Analysen oder Simulationen am Rechner abschätzen, aber wirklich erkennbar werden die Auswirkungen von Modifikationen häufig erst, wenn man sie in einer Spielrunde ausprobiert. Das macht das Ganze richtig spannend. Natürlich braucht man gerade deshalb eine gute Portion Frustrationstoleranz, weil so manche Idee im Praxistest einfach nicht richtig funktionieren will.

Wiederholt habe ich jedoch dabei die Erfahrung gemacht, dass so manche zunächst gescheiterte Idee sich später als durchaus interessant und brauchbar herausstellt, sobald man diese in einem vielleicht ganz anderen Zusammenhang erneut aufgreift. Aus diesem Grund landen auch verworfene Konzepte bei mir in dem vorhin erwähnten Fundus – man weiß nie, wofür man etwas später noch brauchen kann. Im Grunde ist das entwickeln von Spielen gleichzeitig auch eine Art Spiel, in dem Kreativität und Flexibilität sowie in gewisser Weise Taktik und Strategie eine wichtige Rolle spielen. Hat man einmal den Einstieg dazu gefunden, macht es richtig Spaß und eventuell auch ein bisschen süchtig. Man entdeckt dann an allen Ecken und Enden neue Inspiration und die Ideen sprudeln nur so.

Am Spielen generell besteht für mich das faszinierende darin, dass bei einem wirklich guten Spielmechanismus eigentlich nie der Punkt erreichbar ist, an dem es langweilig wird, weil es im Hinblick auf die richtige Spielstrategie immer wieder etwas zu entdecken gibt. Und weil auch die Mitspieler dabei nicht statisch stehen bleiben, bleibt dieser Prozess ständig in Bewegung, man hat also kontinuierlich die Möglichkeit der Optimierung.

3. Was ist das Besondere an Deinen Spielen?

Wie der Shopname „Andreas Dier – Spiele für Mehrdenker“ bereits aussagt, sind die Spiele, die ich bei Spieltz veröffentliche, eher etwas für Leute, die Spaß daran haben, ein paar Schritte weiter als gewöhnlich vorauszudenken. Es sind also vorrangig „echte“ Strategiespiele, bei denen es darauf ankommt, dass man aus einer größeren Zahl von Entscheidungsmöglichkeiten die jeweils günstigsten zur Erreichung des Spielziels wählt.

Die derzeit veröffentlichten Spiele sind dabei größtenteils abstrakt, wie man es zum Beispiel von Mühle oder Dame kennt. Dies gilt auch für LUNAR ADS – das übrigens eine Modifikation des anfangs erwähnten ENSEMBLE ist – dessen Spielmechanismus lässt sich zwar mit dem Hintergrundszenario erklären, aber bleibt dennoch im Spielprinzip imaginär.

spieltz brettspiele lunar ads

Während LUNAR ADS eine vollständige Eigenkreation von mir ist, sind die übrigen Spiele durch Modifikation aus existierenden Einpersonen-Rätselspielen entstanden. Der besondere Gedanke dabei ist, dass diese durch die Erweiterung zu Mehrpersonenspielen an Attraktivität hinzugewinnen, weil diese sich von Rätseln zu Strategiespielen verwandeln. Die vier S.W.E.S.K.-Varianten basieren dabei auf Sudoku, während ich DUITAIRE, MAGITAIRE und HEXITAIRE aus dem Brettspiel Solitär entwickelt habe.

Zu allen von mir veröffentlichten Spielen stelle ich als Download-Dateien verfügbares Bonusmaterial zusammen, in dem man diverse Hintergrundinformationen, Vorschläge zu Spielvarianten und die Möglichkeit zum direkten Feedback erhält. Dieses Bonusmaterial wird von Zeit zu Zeit durch neue Inhalte von mir erweitert und ergänzt.

4. Welches ist Deiner Meinung nach Dein bestes Spiel und worum geht es dabei?

Aus meinem persönlichen Dafürhalten ist von meinen bei Spieltz veröffentlichten Spielen wohl LUNAR ADS das beste, weil ich dieses gänzlich eigenständig erstellt und mit einem passenden Szenario versehen habe. Die Spieler haben darin konkurrierend die Aufgabe, Robotersonden (in der Gestalt von Halma-Pöppeln) auf der Mondoberfläche zu landen und diese für eine Kooperation beim fiktiven Aufspannen von Werbetransparenten zu gruppieren.

Brettspiel Lunar Ads, Andreas Dier

Wer seine Mitspieler dabei strategisch so ausbremst, dass er selbst die Vorderhand behält, gewinnt schließlich das Spiel. Wie bereits erwähnt, ist das Spiel eigentlich aus ENSEMBLE entstanden. Die Regeln sind hierbei nahezu identisch, nur das Spielplanlayout und die Hintergrundstory sind neu. Insgesamt ist die Story von LUNAR ADS einigermaßen witzig und das Spiel selbst ein gutes Beispiel zur Definition des Begriffes „Mehrdenkerspiel“.

Ansonsten halte ich natürlich auch meine anderen Spiele für durchaus brauchbar, sonst hätte ich mir ja nicht die Mühe der Veröffentlichung gemacht. Und grundsätzlich denke ich, dass es immer eine Frage des persönlichen Geschmacks ist, ob man ein Spiel für gut oder weniger gut hält. Manche lieben aufwändige Autorenspiele mit historischen oder fantastischen Szenarien, andere bevorzugen eher gegenstandslose Spiele. Einige finden eine bestimmte grafische Gestaltung super, während dieselbe für so manchen anderen eventuell eher zu farblos ist. Somit liegt die Entscheidung, welches das beste Spiel ist, stets beim Betrachter selbst. Ich gehe einmal davon aus, dass die Beschreibungen im Shop ein solches Urteil ermöglichen.

5. Wenn Du nicht Deine eigenen Spiele spielst – welche Art von Spielen spielst Du gerne? Hast Du Lieblingsautoren oder Lieblingsverlage?

Da meine Freizeit insgesamt meist ziemlich ausgefüllt ist, habe ich für meinen Geschmack leider eher zu wenige Gelegenheiten, ausgiebig zu spielen. Und weil ich natürlich möglichst viele verschiedene Spiele als inspirierende und vielleicht auch abschreckende Beispiele kennen lernen will, teste ich diese häufig nur so lange an, bis ich den Spielmechanismus überblickt und eine gewisse Dosis Spielspaß ausgekostet habe. Es gibt aus diesem Grund also eigentlich nicht wirklich ein Spiel, das ich dauerhaft und regelmäßig spiele und kann mich somit für kein bestimmtes als echten Fan bezeichnen.

Logischerweise ist die Art von Spielen, die ich selbst bevorzugt entwickle, auch die Richtung, die ich gerne spiele. Demnach gebe ich besonders mehrdimensionalen Strategiespielen den Vorzug. Außerdem bin ich immer auf der Suche nach ungewöhnlichen Spielmechanismen und liebe die Abwechslung. Spiele, die hingegen hauptsächlich vom Zufall bestimmt sind, empfinde ich eher als langweilig, weil diese für mich keine Herausforderung darstellen. Ansonsten bin ich durchaus dafür empfänglich, wenn ein Spiel mit einem interessanten Hintergrundszenario aufwarten kann und besonders ansprechend gestaltet ist, während ich andererseits bei zu viel Materialschlacht eher den Rückzieher mache.

6. Und was machst Du sonst so – wenn Du nicht gerade Spiele spielst oder erfindest? 🙂

Beruflich bin ich als Entwicklungsingenieur für medizintechnische Geräte tätig. Nach Feierabend und am Wochenende findet man mich nicht selten in einem Reitstall. Dort „wohnt“ der Wallach Filou, um den ich mich mit kümmere und der im Gegenzug geduldig meine klassisch-barock angehauchten Reitübungen mitmacht. Des Weiteren beglücke ich meine Umwelt gerne mit Gesang – ich singe die Tenorstimme in einem kleinen Ensemble, außerdem bin ich noch in zwei gemischten Chören Mitglied, nehme gelegentlich noch an Chorprojekten teil und versuche mich zudem sporadisch und mehr oder weniger dilettantisch in der aushilfsweisen Laienchorleitung.

Apropos Gesang und Musik: unter meiner Feder entsteht gerade ein Spiel, in dem die Grundbegriffe der Harmonielehre eine tragende Rolle spielen. Es ist also neben einem Mehrdenkerspiel mit taktischen und strategischen Elementen gleichzeitig noch ein Lernspiel für alle, die spielerisch Musiktheorie üben möchten.

Brettspiel Cadenza, Andreas Dier, 3D-Simulation

Brettspiel Cadenza, Andreas Dier, 3D-Simulation

Die erste Probespielrunde am Rande des letzten Chorseminars war bis jetzt ziemlich vielversprechend. Es ist also sehr wahrscheinlich zu erwarten, dass dieses Spiel demnächst, das heißt nach der endgültigen Ausarbeitung der Spielregeln, in meinem Spieltz-Shop zu finden ist.